Rechte Gewalt in Hamburg von 1945 bis heute
Von Lennart Onken
Bekanntlich gingen extrem rechte Ideologien nicht mit dem nationalsozialistischen Regime unter, sondern lebten in der postnazistischen Gesellschaft fort und prägen sie bis heute mit. Antisemitismus, Rassismus, Antiziganismus und Nationalismus werden immer wieder auch durch Gewalttaten sichtbar. Die Spannbreite reicht von Sachbeschädigungen über Beleidigungen und Bedrohungen bis hin zu körperlichen Angriffen und Anschlägen und sogar Tötungsverbrechen.
Bis heute ist unklar, wie viele Menschen in Folge extrem rechter Gewalt in der Bundesrepublik ermordet wurden. Lange Zeit gab es keine umfassende zivilgesellschaftliche oder staatliche Dokumentation rechter Gewalttaten. Erst seit 1990 werden diese in der Bundesrepublik gesondert erfasst. Die offizielle Statistik des Bundeskriminalamts spricht von insgesamt 117 Todesopfern seit 1990 (Stand 2025). Die Amadeu-Antonio-Stiftung hingegen ging 2025 von mindestens 224 Todesopfern sowie 19 weiteren Verdachtsfällen aus. Spätestens seit der Selbstenttarnung des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU) ist klar, dass längst nicht alle Gewalttaten der extremen Rechten auch als solche erkannt werden.
In und um Hamburg starben in den vergangenen Jahrzehnten mindestens 12 Menschen unmittelbar durch extrem rechte Gewalt oder an deren Folgen. Hinzu kommen mehrere Menschen, die in indirekter Folge rechter Gewalt starben, sowie hunderte Anschläge und Angriffe. Dass Hamburg immer wieder Ausgangspunkt wie Tatort extrem rechter Gewalt gewesen ist, ist in der Stadt jedoch noch immer kaum bekannt.
Bereits unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs begannen ehemalige NSDAP- und SS-Funktionäre damit, sich neu zu organisieren. Sie schlossen sich in geheimen Zirkeln zusammen oder gründeten Parteien und Soldatenverbände, mittels derer sie Stimmung gegen die Alliierten und die Entnazifizierung machten. 1953 verhafteten britische Ermittler einen Kreis hochrangiger Altnazis, die einen Umsturz geplant hatten – darunter auch den ehemaligen Hamburger Gauleiter Karl Kaufmann. Das an den Bundesgerichtshof abgegebene Verfahren wurde von diesem jedoch eingestellt.
Mit dem knapp verfehlten Einzug der »Nationaldemokratischen Partei Deutschlands« (NPD) in den deutschen Bundestag 1969 entstand eine neue Generation der extremen Rechten. 1974 kam es im Haus des Sports in Hamburg-Eimsbüttel zu einer großen neonazistischen Veranstaltung mit bekannten Holocaustleugnern aus dem In- und Ausland. Dieses Treffen gilt als Geburtsstunde der neonazistischen Bewegung in Hamburg. Ab 1977 überzog die federführend von Michael Kühnen gegründete »Aktionsfront Nationaler Sozialisten« (ANS) die Hansestadt mit einer Welle der Gewalt. Jüdische Friedhöfe wurden geschändet und immer wieder politische Gegner*innen angegriffen. Aus dem Umfeld der ANS entstand mit der »Wehrwolf-Gruppe« auch eine der ersten rechtsterroristischen Gruppierungen der Bundesrepublik. Sie erbeutete bei Überfällen Waffen, Munition und Geld und plante Anschläge auf die Gedenkstätte Bergen-Belsen sowie das als »Nazijäger« bekannte Ehepaar Beate und Serge Klarsfeld.
Die 1980er-Jahre waren von einer massiven Entgrenzung rechter Gewalt geprägt. Fast täglich kam es zu Übergriffen oder Anschlägen. Hamburg war in dieser Zeit ein Zentrum der extremen Rechten in der Bundesrepublik. Am 22. August 1980 wurden bei einem Brandanschlag der »Deutschen Aktionsgruppen« in Hamburg-Billbrook die beiden jungen Vietnamesen Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân ermordet. Sie sind die ersten namentlich bekannten Todesopfer des deutschen Rechtsterrorismus. Nur zwei Jahre später, am 19. Juni 1982, wurde der 26-jährige Tevfik Gürel unter »Ausländer raus«-Rufen mit einer Holzlatte in Norderstedt zusammengeschlagen. Er starb drei Tage später im Hamburger Heidbergkrankenhaus. Am 17. Oktober 1982 erschlugen HSV-Hooligans den 16-jährigen Spätaussiedler und Fan des SV Werder Bremen, Adrian Maleika. Im Juli 1985 erschlugen rechte Skinheads Mehmet Kaymakçı, im Dezember desselben Jahres folgte die Tötung Ramazan Avcıs, ebenfalls durch rechte Skinheads. 1988 erstach ein Skinhead den Zeitungsboten Rudi M. wegen eines angeblichen homosexuellen Annäherungsversuchs.
In der zeithistorischen Forschung werden die 1980er Jahre heute als eine Scharnierzeit in die Gegenwart begriffen. In dieser Zeit setzten sich Deutungsmuster rechter Gewalt durch, die den gesellschaftlichen Diskurs bis heute bestimmen. Zum einen durch das Aufkommen der zumeist jugendlichen Skinheadbewegung, die für die massive Eskalation der Gewalt verantwortlich war – und die, der Realität zum Trotz, bis heute in weiten Teilen der Gesellschaft das Bild von der extremen Rechten prägen. Die These trifft aber auch hinsichtlich des gesellschaftlichen Umgangs mit dieser Gewalt zu, insbesondere was die Entpolitisierung der Taten sowie die Flankierung der Gewalt durch einen zunehmend rassistischen Diskurs betrifft.
Trotz dieser Vielzahl an Gewalttaten mit mehreren Todesopfern weigerten sich die Ermittlungsbehörden beharrlich, ein extrem rechtes Problem in der Stadt anzuerkennen. Wurde der Mord an Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân noch unzweifelhaft als rassistisch eingestuft – die Täter*innen hatten immerhin »Ausländer raus!« an die Fassade des Ausländerwohnheims in der Halskestraße gesprüht, was überhaupt erst zu ihrer Ergreifung führte – sah die Lage bei den anderen Tötungsverbrechen ganz anders aus. Obwohl Frank-Uwe P., einer der Täter, die Mehmet Kaymakçı töteten, aussagte: »Wir wollten den Türken fertig machen«, erkannten Polizei und Gericht kein rassistisches Motiv. Der Staatsschützer Jürgen Szameitat etwa sagte während der Ermittlungen über Frank-Uwe P.: »Er ist unserer Einschätzung nach aber kein Neonazi, wollte mit dem Hitlergruß nur provozieren. Wir sind da recht sensibel.« Auch der zuständige Staatsanwalt entpolitisierte die Tat: »Motiv für die grauenvolle Tat war nicht der Ausländerhass. Sie war der furchtbare Endpunkt einer gewöhnlichen Wirtshausschlägerei.« Die drei Tatbeteiligten wurden nach Jugendstrafrecht zu acht beziehungsweise sieben Jahren Haft verurteilt.
Auch im Mordfall Avcı schloss der Polizeipräsident ein politisches Motiv kategorisch aus. Im Prozess gegen die fünf beteiligten Täter wurde »Ausländerhass« nur als eines von mehreren Tatmotiven angenommen. Die Täter wurden wegen Totschlags – nicht aber wegen Mordes – zu einem bis zehn Jahren Haft verurteilt. Während des Prozesses stellte sich heraus, dass der Sohn eines der ermittelnden Polizeibeamten der Skinheadszene angehörte und mit einem der Täter befreundet war. Avcı hinterließ seine hochschwangere Verlobte, die zehn Tage nach seinem Tod den gemeinsamen Sohn zur Welt brachte. Der Mord und die Ermittlungen sorgten für einen bundesweiten Aufschrei – und führten auch dazu, dass sich Migrant*innen zunehmend organisiert gegen die rassistische Gewalt zur Wehr setzten. Dass der massive Anstieg rechter Gewalt- und Mordtaten in eine Zeit fiel, in der in zunehmend rassistischer Manier über „die Ausländer“ und die Notwendigkeit ihrer Rückführung gesprochen wurde, lässt heute hellhörig werden. Denn die Geschichte zeigt hier, dass die Übernahme menschenverachtender Ressentiments gerade nicht dazu führt, dass die rassistische Gewalt abnimmt. Im Gegenteil: Die Täter:innen der 1980er-Jahre dürften sich eher ermutigt und in ihrem Wahn bestätigt gefühlt haben, die Vollstrecker des imaginierten Volkswillens zu sein. Anfang der 1990er-Jahre wurde von Hamburg aus die Schrift »Eine Bewegung in Waffen« verbreitet, die Anleitungen zum Bau von Brand- und Sprengbomben enthielt und zu Terrorakten »nach Feierabend« aufrief. Henry Fiebig, einer der mutmaßlichen Autoren der Schrift, schoss 1993 mit Leuchtspurmunition aus seiner Wohnung in der Juliusstraße in Hamburg-Sternschanze auf eine antifaschistische Demonstration.
Der Staat begann zunehmend, mit Verboten auf die extrem rechte Gewaltwelle zu reagieren. Die Hamburger Neonaziszene unter den beiden Kühnen-Jüngern Christian Worch und Thomas Wulff reagierte mit einer Umstrukturierung: Feste Gruppen wurden durch »reie Kameradschaften« ersetzt. Diese losen Zusammenschlüsse sollten gegenüber staatlichen Verboten weniger angreifbar sein. Worch und Wulff waren es auch, die 1992 eine erste »Anti-Antifa-Liste« mit Namen und Adressen von politischen Gegner*innen veröffentlichten und in deren Folge es zu massiven Bedrohungen und Angriffen gegenüber Antifaschist*innen kam.
Insbesondere in den städtischen Peripherien wie Harburg oder Bergedorf blieben rechte Skinheads für all jene eine alltägliche Gefahr, die nicht in das neonazistische Weltbild passten. Im Dezember 1998 verprügelten mehrere Skinheads den Obdachlosen Manfred Klein auf einem Spielplatz in Bergedorf schwer. Das Opfer nahm sich wenige Tage vor dem Beginn des Prozesses gegen die Täter das Leben; das Verfahren wurde eingestellt.
Die Täter*innen waren aber nicht immer organisierte Neonazis. Manche kamen auch aus der Mitte der Gesellschaft. So stach Wilfried Sch., Mitarbeiter der Hamburger Umweltbehörde, am 7. Dezember 1993 den damals 19 Jahre alten gambischen Asylbewerber Bakary Singateh in einem Zug von Hamburg nach Buchholz in der Nordheide nieder. Obwohl der Täter mehrfach durch rassistische Äußerungen aufgefallen war, erkannten Gerichte kein »ausländerfeindliches Motiv«. Sch. wurde 1997 zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt.
Am 27. Juni 2001 ermordeten Terroristen des NSU den Familienvater Süleyman Taşköprü in seinem Lebensmittelladen in Hamburg-Bahrenfeld. Im selben Jahr notierte der Hamburger Verfassungsschutz, rechter Terrorismus stelle »gegenwärtig keine Bedrohung« dar. Die Polizei ermittelte zunächst im Umfeld des Opfers und ignorierte Hinweise auf ein rassistisches Tatmotiv. Erst mit der Selbstenttarnung des NSU 2011 wurden die Hintergründe der Tat und die Dimension der Mordserie bekannt.
Wer gehofft hatte, dass die Morde des NSU für eine größere gesellschaftliche Aufmerksamkeit sorgen würden, wurde auf lange Sicht enttäuscht. Spätestens seit dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) im Juni 2019 kommt es bundesweit wieder verstärkt zu rechten Übergriffen und Gewalttaten. Im Mai 2023 etwa kam es in Hamburg-Niendorf zu einem rassistischen Mordversuch. Die Gewalteskalation wird dabei von einem zunehmend rassistischen Diskurs flankiert. Im Jahresbericht des Landesamtes für Verfassungsschutz werden für 2025 insgesamt 1361 Straftaten aufgelistet, bei denen in Hamburg ein rechtsextremer Hintergrund durch die Strafverfolgungsbehörden ausgemacht wurde.
Seit dem barbarischen Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 kommt es zudem zu einem explosionsartigen Anstieg antisemitischer Vorfälle: Holocaustrelativierungen, Angriffe auf jüdische Menschen und Brandanschläge auf Synagogen drohen bundesweit zu einer neuen Normalität zu werden. Auch NS-Gedenkstätten geraten immer stärker ins Visier der extremen Rechten, aber auch von autoritären Linken und Islamisten. Hier kündigt sich eine unheilige Allianz an, deren ideologischer Konnex ihr Antisemitismus sowie ihr Hass auf die Moderne und die westliche Freiheit sind.
Wenn aktuell über eine Zunahme der Gewalt der extremen Rechten gesprochen wird, fehlt dabei in der Regel ein Bewusstsein dafür, dass jene Gewalt nie verschwunden war, sondern fester Bestandteil der deutschen Nachkriegsgeschichte ist. Die gern bemühte Formel des »bedauerlichen Einzelfalls« verdeckt den Blick auf Kontinuitäten und Entwicklungslinien und macht eine Analyse der Strukturen, in denen sich die Täter*innen bewegen, unmöglich. Damit entbindet sie zugleich die Gesellschaft, in der diese Gewalt entsteht, von ihrer Verantwortung.
Lennart Onken arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen (SHGL). Er hat Geschichte und Jüdische Studien in Leipzig und Potsdam studiert. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Geschichte des Nationalsozialismus und seine Nachgeschichte, jüdische Geschichte sowie Geschichte und Gegenwart von Rassismus und Antisemitismus. Für die SHGL kuratierte er in den letzten Jahren mehrere Ausstellungen über die Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung, die im Hamburger Rathaus erstpräsentiert wurden.