Aktuelle Entwicklungen bei Kurswechsel – Distanzierungs- und Ausstiegsarbeit Rechts
Neue Herausforderungen, neue Wege
In den letzten Monaten haben sich bei Kurswechsel Hamburg | Ausstiegsarbeit Rechts drei zentrale Entwicklungen herauskristallisiert, die uns sowohl herausfordern als auch zu neuen methodischen Ansätzen bewegen:
Immer jüngere Adressat:innen – Wie kann Ideologiearbeit hier gut gelingen?
Wir stellen fest, dass unsere Klient:innen zunehmend jünger werden. Das wirft grundlegende Fragen auf, mit denen wir uns intensiv auseinandersetzen: Wie jung können Beratungsnehmende sein, um mit uns menschenfeindliche Ideologien kritisch zu bearbeiten. Welche Methoden sind altersgerecht und wirksam? Die Beschäftigung mit diesen Fragen steht im Mittelpunkt unserer aktuellen Weiterentwicklung. Wir erproben neue Ansätze und reflektieren kontinuierlich, wie Ideologiearbeit mit jüngeren Menschen gut gelingen kann. Gleichzeitig ist die Aktivierung eines den Distanzierungsprozess unterstützenden Umfeldes bei jüngeren Adressat:innen zentral. Aber wir setzen auch Grenzen, wo notwendig: Wenn wir zu dem Schluss kommen, dass Personen zu jung sind und/oder andere Stellen für die jeweilige Situation besser geeignet wären, kommunizieren wir dies und vermitteln entsprechend weiter.
Schulen als Arbeitsfeld – Fallberatungen für Pädagog:innen
Parallel nehmen Anfragen aus Schulen deutlich zu. Insbesondere Lehrkräfte sehen sich vermehrt mit (extrem) rechten Äußerungen und Haltungen ihrer Schüler:innen konfrontiert und suchen nach einem pädagogisch angemessenen Umgang damit. Für diese Fälle haben wir eine spezielle Methode für Fallberatungen entwickelt, in der möglichst viele Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter:innen u.a., die mit den jeweiligen Schüler:innen zu tun haben, gemeinsam an konkreten Handlungsstrategien arbeiten. Dieser multiperspektivische Ansatz ermöglicht es, ein umfassenderes Bild der Situation zu gewinnen und abgestimmte pädagogische Schritte im Umgang mit den jeweiligen Schüler:innen zu entwickeln.
Zwangskontexte – Neue Herausforderungen in der Interventionsberatung
Mit der steigenden Anzahl an Fällen aus Schulen und auch aus dem Bereich der Jugendhilfe verändert sich auch der Zugang zu unserer Arbeit: Beratungsnehmende kommen seltener aus freien Stücken zu uns. Häufiger gibt es Maßnahmen, die Gespräche bei uns zur Auflage machen. Damit sind wir zunehmend mit Zwangskontexten konfrontiert – ein Arbeitsfeld, das wir bisher vor allem aus unserem Justizprojekt PräJus kennen. Das stellt uns vor neue Fragen: Was können wir in diesen Beratungen, die Interventionen darstellen, erreichen? Wie gelingt es uns, diese jungen Adressat:innen zu konfrontieren und gleichzeitig zu motivieren, ihre Haltungen zu hinterfragen? Die Balance zwischen klarer Konfrontation, dem Setzen von Irritationsmomenten und dem Aufbau einer tragfähigen Arbeitsbeziehung bleibt dabei unser zentrales Anliegen.
SHIFT – Beratung und Bildungen gegen rechte Online-Radikalisierung
Seit Beginn des Jahres entwickelt Kurswechsel den neuen Schwerpunkt SHIFT – eine digitale Plattform für Distanzierungsförderung und Ausstiegsbegleitung zum Ablegen (extrem) rechter Einstellungen.
SHIFT nimmt Anfragen an
SHIFT berät zum pädagogischen Umgang mit rechter Online-Radikalisierung. Neben Menschen, die sich distanzieren möchten, beraten wir auch das Umfeld und Fachkräfte zum Thema, ergänzt durch Bildungsangebote und Online-Formate zur demokratischen Raumnahme gegen Hass und Hetze. Wir nehmen ab sofort Anfragen an und freuen uns auf Ihre Kontaktaufnahme. Weitere Informationen finden Sie unter www.shift.hamburg.
Hintergrund: (Extrem) rechte Online-Radikalisierung
(Extrem) rechte Online-Radikalisierung bezeichnet den Prozess, bei dem (extrem) rechte Gruppen, Strukturen und Einzelpersonen das Internet gezielt nutzen, um ihre Ideologien zu verbreiten, neue Anhänger:innen zu gewinnen und bestehende weiter zu radikalisieren. Besonders Jugendliche sind gefährdet, da (extrem) rechte Akteur:innen moderne Plattformen, Trends und jugendaffine Inhalte gezielt einsetzen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und schleichend zu beeinflussen.
Forschungsergebnisse zeigen, dass das Internet (extrem) rechte Radikalisierungsprozesse vor allem beschleunigt und verstärkt, während reale Kontakte und soziale Umfelder weiterhin entscheidend bleiben (Abay Gaspar/Sold 2018; Simi/Futrell 2006). (Extrem) rechte Propaganda arbeitet mit emotionalisierenden Bildern, Feindbild-Konstruktionen, Desinformation und einer zielgruppenspezifischen Ansprache, die sich an jugendlichen Lebenswelten orientiert (Knipping-Sorokin/Stumpf 2018).
(Extrem) rechte Gruppen nutzen gezielt Plattformen wie Instagram, TikTok, Telegram und YouTube. Ihre Inhalte sind an jugendliche Lebenswelten angepasst – durch Jugendsprache, Popkultur-Referenzen, Gaming, Meme-Kultur und Musikbezüge. Durch Memes und virale Trends werden (extrem) rechte Inhalte so verpackt, dass sie harmlos wirken. Starke Emotionalisierung schafft Feindbilder, Desinformation und Verschwörungserzählungen schüren Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen.
Um (extrem) rechter Online-Radikalisierung wirksam zu begegnen, sind politische Bildung, Medienkompetenz und lebensweltorientierte Ansätze von zentraler Bedeutung. Pädagog:innen und Angehörige benötigen Kenntnisse über aktuelle rechte Online-Trends, um Jugendliche befähigen zu können, kritisch mit digitalen Inhalten umzugehen. Genau hier setzt SHIFT an: Wir beraten zu rechten Online-Phänomenen und Rechtsextremismus im Netz und unterstützen dabei, pädagogisch angemessen damit umzugehen. Ergänzend bieten wir Bildungsangebote zum pädagogischen Umgang mit (extrem) rechten Einstellungen im digitalen Raum an – sowohl offline als auch online.
perspek’tif:a: Mehr Sichtbarkeit für (extrem) rechte Einstellungen in postmigrantischen Communitys
Der Schwerpunktbereich perspek’tif:a in Kurswechsel hat eine neue Website. Die Angebote sind für die jeweils unterschiedlichen Zielgruppen nun einfacher zu finden und werden bis Ende des Jahres zusätzlich auf Englisch, Türkisch und Russisch verfügbar sein. Die Website ist unter www.perspektifa.de erreichbar.
Seit einigen Monaten bespielen wir auf Instagram ein Glossar zur türkischen (extremen) Rechten. Themen sind z.B. Ülkücü, Turanismus und Panturkismus oder Antisemitismus in der Türkei. Schauen Sie doch mal vorbei: www.instagram.com/perspek.tif.a.
Kurzer Veranstaltungsbericht zu „Zwischen den Fronten: Völkische Rechte, Islamismus und ihre Auswirkungen auf Minderheiten“ mit Ferda Berse und perspek’tif:a am 27.10.
Was haben die völkische Rechte und der Islamismus gemeinsam? Inwieweit wirken sich Verschränkungen zwischen den Ideologien auf migrantische Minderheiten in Deutschland aus? Und welche Strategien sind erfolgversprechend, um der Bedrohungslage gerecht zu werden? Diese und anderen Fragen konnte Hila Latifi – Projektmitarbeiterin bei perspek’tifa, einem Schwerpunkt von Kurswechsel – der Sozialwissenschaftlerin Ferda Berse Ende Oktober vor etwa 30 interessierten Gästen im Haus 73 stellen. Berse arbeitete zunächst heraus, dass es sich sowohl bei völkischer Ideologie als auch bei Islamismus um Ideologien des Ausschlusses zwecks Homogenisierung der Bevölkerung handelt. Beide zeichnen sich durch Antisemitismus, Antifeminismus, den positiven Bezug auf Männerbünde und Gewalt aus. In Deutschland mehrfach betroffen sind insbesondere Migrant:innen, deren Familien auch im Herkunftsland schon Minderheiten angehör(t)en. Ein aktuelles Beispiel ist hier – so Berse – der deutsche Fußball-Nationalspieler Deniz Undav, der sich aufgrund seiner kurdisch-jesidischen Wurzeln immer wieder rassistischer Hetze durch Türkeifans ausgesetzt sieht. Aber auch an der Objektifizierung von Frauen zeigen sich Schnittstellen der Verfolgung. So erwähnt Berse das Beispiel von Jesidinnen, die unter IS-Herrschaft sexualisierte Gewalt erleiden mussten, welche dann von der in Teilen extrem rechten Incel-Community[1] verherrlicht wurde.
Als mögliche Strategie zum Umgang mit den Phänomenen sieht Berse insbesondere die Intensivierung politischer Bildung. Zugleich äußert sie nach über 10 Jahren Aktivismus aber auch eine gewisse Frustration – auch, weil im Zuge des aktuellen Gazakrieges Polarisierungen erneut zunehmen. Umso wichtiger sind ihr Veranstaltungen, auf denen respektvoll und auf Augenhöhe auch über kontroverse Themen gesprochen werden kann. Wir hoffen, mit dieser Veranstaltung einen Beitrag dazu geleistet zu haben
1] Incel steht für „involuntary celibate“(‚unfreiwillig sexuell enthaltsam‘) und bezeichnet eine Internetkultur von heterosexuellen Männern, die nach eigener Aussage unfreiwillig ohne sexuelle oder romantische Beziehungen leben und daraus häufig Frustration, Misogynie und teils extremen Hass gegenüber Frauen und Gesellschaft entwickeln. Die Übergänge zur extremen Rechten sind fließend.
Projekt empower: Monitoringbericht 2024 – rechte, rassistische und antisemitische Vorfälle in Hamburg
Im Rahmen der Monitoring- und Beratungsarbeit ziehen wir beim Betroffenenberatungsprojekt empower im Jahr 2024 erneut eine alarmierende Bilanz von insgesamt 1326 neuen rechten, rassistischen und antisemitischen Vorfällen in Hamburg. Das sind im Durchschnitt mehr als 3,6 bekannte Vorfälle pro Tag und stellt eine besorgniserregende Steigerung von 33,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr dar. Diese Vorfälle sind keine Einzelfälle, sie ziehen sich durch die gesamte Stadt, durch alle gesellschaftlichen Schichten und Milieus sowie durch alle Institutionen.
Die Veröffentlichung des Monitoringberichts zu rechten, rassistischen und antisemitischen Vorfällen in Hamburg im Jahr 2024 verfolgt das Ziel, die Formen und Auswirkungen der Gewalt sowie die Erfahrungen und Perspektiven von Betroffenen für Communitys, Multiplikator:innen, Öffentlichkeit und Politik zugänglich zu machen. Die erfassten Vorfälle beinhalten jede Form des Antisemitismus, jede Form des Rassismus und jede Form von rechter Gewalt.
Den vollständigen Monitoringbericht finden Sie hier zum Download als PDF. Auf unserer Webseite finden Sie eine textidentische Version, die von einem Screenreader vorgelesen werden kann.
Ein ausdrücklicher Dank geht an alle Betroffenen, deren Angehörige, Freund:innen und Zeug:innen eines Vorfalls sowie Gemeinden, Communitys, Netzwerke und Kooperationspartner:innen, die durch ihr Engagement und Meldungen wesentlich dazu beigetragen haben, Vorfälle von Antisemitismus, Rassismus und rechter Gewalt in Hamburg erheben zu können.
Die Zuständigkeit für das Hamburger Monitoring von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt ist zum Jahr 2025 in die Trägerschaft der Johann-Daniel-Lawaetz-Stiftung gewechselt. Der Monitoringbericht für 2024 ist deshalb der letzte in dieser Form von uns als Projekt empower. Vorfälle von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Hamburg können weiterhin auf der Webseite der neuen Hinweisstelle gemeldet werden: https://hinweisstelle-hamburg.de/