Jüdische Kulturtage

verschiedene

Die Jüdische Gemeinde Hamburg organisiert die ersten Jüdischen Kulturtage der Stadt. Fünf Wochen lang bieten über 40 Veranstaltungen die Möglichkeit, das breite Spektrum jüdischen Kulturlebens in den Bereichen Judentum, Musik, Literatur, Tanz und Theater, Religion, Geschichte, Stadtgeschichte und jüdisches Alltagsleben kennenzulernen.

Als der Staat sein Gewaltmonopol preisgab. Polizei und rechte Straßenmobs in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft der 1990er Jahre

Lesesaal der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg Beim Schlump 83, Hamburg

Im Rahmen der Vortragsreihe "Mehr als eine Randnotiz. Die extreme Rechte nach 1945". | Das hohe Niveau rechter Gewalt war während der 1990er Jahre ein gesamtdeutsches Phänomen. Dennoch bildete diese Gewalt in Ostdeutschland eigene Qualitäten aus: Sie fand besonders häufig in Form offener Mob-Gewalt im öffentlichen Raum statt, sie wurde dort regelmäßig von klatschenden Gaffern in großer Zahl unterstützt, und die Polizei bzw. deren politische Führung wichen immer wieder vor dieser Gewalt zurück. Das staatliche Gewaltmonopol blieb in den „neuen Bundesländern“ ab 1990 über lange Zeit prekär. Patrick Wagner sucht in seinem Vortrag Antworten auf die Frage, warum die Polizei als institutionelle Trägerin des Gewaltmonopols in vielen ostdeutschen Gemeinden die Kontrolle über die öffentlichen Räume verlor. Anhand polizeiinterner Debatten und Dokumente, z.B. zum symbolträchtig desaströsen Einsatz in Rostock-Lichtenhagen 1992, verortet er das Agieren der ostdeutschen Polizei im Kontext der gesellschaftlichen Transformationskrise und der polizeispezifischen Transformationserfahrungen. Für Westdeutsche bietet das Thema im Übrigen wenig Grund zum „Ossi-Bashing“ – denn die folgenschwersten Fehler machten in der Regel von West nach Ost transferierte Führungsbeamte und Politiker.

Kein gelobtes Land – Antisemitismus in der Sowjetunion

VHS-Haus Dr. Alberto-Jonas Karolinenstraße 35, Hamburg

Seit 1990 sind etwa 220 000 Menschen im Zuge der jüdischen Zuwanderung aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen. Dank dieser Zuwanderung sind die Mitgliederzahlen der jüdischen Gemeinden hierzulande um fast 90% gestiegen. Trotzdem ist wenig über die Geschichte und Biografien sowjetischer Jüdinnen und Juden bekannt. In seinem Vortrag schildert der jüdische Musiker und Gästeführer Alexei Volinchik die Grundzüge des staatlichen Antisemitismus' in der ehemaligen Sowjetunion und ordnet diese in den historischen und gesellschaftlichen Kontext ein.

Die vergessene Geschichte des Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik. Der antisemitische Doppelmord an Shlomo Lewin und Frida Poeschke

Lesesaal der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg Beim Schlump 83, Hamburg

Im Rahmen der Vortragsreihe "Mehr als eine Randnotiz. Die extreme Rechte nach 1945". | Am 19. Dezember 1980 wurden Shlomo Lewin, der ehemalige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Nürnberg, und seine Lebensgefährtin Frida Poeschke in ihrem Haus in Erlangen erschossen. Statt den Spuren nachzugehen, die zur rechtsextremistischen „Wehrsportgruppe Hoffmann“ führten, konzentrierten sich die Ermittler lange auf das Umfeld Lewins. Der Doppelmord war Teil einer Welle von rechtem Terror im Jahr 1980, bei der 18 Menschen  ermordet und Hunderte verletzt wurden – auch zwei der Täter starben. Wie all diese Gewalttaten wurde auch der Doppelmord kaum Teil des bundesrepublikanischen Gedächtnisses. Uffa Jensen rekonstruiert die Tat und setzt sich mit der Wehrsportgruppe auseinander. Er erinnert an die Opfer und hebt die Bedeutung von Antisemitismus für diesen Gewaltakt, aber auch für dessen mangelhafte Aufarbeitung und fehlende Erinnerung hervor. Von zentraler Bedeutung ist schließlich die Frage nach den Konsequenzen, die durch die mangelhafte Erinnerung an rechte Gewalt für die Gesellschaft bis in die Gegenwart entstehen.

Rassismuskritik als Lebensqualität mit Dr. Eske Wollrad

Petrus-Kirche Winfridweg 22, Hamburg

Zum Abschluss der Vortagsreihe „Die Hoffnungen unserer Zeit“ konnte Dr. Eske Wollrad gewonnen werden. Sie forscht als Geschäftsführerin des evangelischen Zentrums Frauen und Männer seit vielen Jahren zu Rassismus und den Critical Whiteness Studies. Ihr Vortrag beleuchtet, auf welche Weise Rassismus gerade auch in Kirchen Weiße Menschen in spezifischer Weise belastet und warum eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Gewaltform die Lebensqualität aller Menschen entscheidet verbessert.

Kostenlos

Unerhörtes Schweigen? Über die (Nicht-)Wahrnehmung rechter Gewalt in der (post-) sozialistischen Umbruchsgesellschaft Ostdeutschlands

Lesesaal der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg Beim Schlump 83, Hamburg

Im Rahmen der Vortragsreihe "Mehr als eine Randnotiz. Die extreme Rechte nach 1945". | Noch dreißig Jahre nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten werden Rassismus und rechte Gewalt als ein vorrangig ostdeutsches Phänomen gedeutet. Entsprechend wurde nach den Wahlen des ersten Landrats sowie des ersten Bürgermeisters der AfD in Thüringen und Sachsen-Anhalt erneut die Frage aufgeworfen, ob das Wahlverhalten durch die Erfahrungen, die mit einem Leben in der DDR einhergingen, zu erklären sei. Carsta Langner widmet sich in ihrem Vortrag der spezifischen Wahrnehmung von Rassismus und rechter Gewalt in Ostdeutschland der 1980er und 1990er Jahre in historischer Perspektive. Dazu wird die politische Zäsur 1989 historisch überschritten und der Blick auf verschiedene Akteursgruppen gerichtet. Damit leistet der Vortrag einen Beitrag zu einer integrierten Geschichte, die sowohl Täter:innen und Betroffene als auch die Gesamtgesellschaft umfasst. Ein solcher Zugriff ermöglicht zudem, die geschichtspolitischen Gründe in den Blick zu nehmen, die dem wiederkehrenden Diskurs über den (vermeintlichen) Zusammenhang von Staatssozialismus und rechter Gewalt zugrunde liegen.

„Prävention zwischen ,Brückennarrativen‘ und ,phänomenübergreifender Perspektive‘ – Theoretische und praktische Implikationen zweier Vorschläge zum Umgang mit ,antidemokratischen Ideologien‘“

online

Mit Nils Schuhmacher | Vermehrt wird seit einigen Jahren mit verschiedenen Schlagworten und Konzepten für eine Neuorientierung der hiesigen „Extremismus-“ bzw. „Radikalisierungsprävention“ geworben.
Dabei ist mal von der Notwendigkeit einer „phänomenübergreifenden“ Perspektive die Rede, mal davon, dass sich die pädagogisch- bildnerische Arbeit der Arbeit an „Brückennarrativen“ zuwenden sollte, über die sich unterschiedliche Spektren miteinander verknüpfen. Was aber ist von diesen Ansätzen zu halten? Was versprechen sie theoretisch und praktisch?
Und welche Konsequenzen sind mit ihnen für das Praxisfeld verbunden. Diese Aspekte werden in der Expertise und auf der Veranstaltung behandelt.

Vom Rechtsterrorismus zur rechtsradikalen Gewalt. Die Bundesrepublik in den 1980er Jahren

Lesesaal der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg Beim Schlump 83, Hamburg

Im Rahmen der Vortragsreihe "Mehr als eine Randnotiz. Die extreme Rechte nach 1945". | In den 1980er Jahren wurden in der Bundesrepublik verstärkt rassistisch motivierte Gewalttaten registriert. Begleitet von einer aufgeladenen Asyl- und Migrationsdebatte hatte sich die rechtsradikale Szene inhaltlich umorientiert und agierte zunehmend mit einer rassistischen Agenda. Diese Entwicklung ging mit einer Veränderung militanter Szenestrukturen einher, die nun attraktiver für Skinheads, Fußballfans und ‚Rocker‘ geworden waren. In dem Vortrag geht es einerseits um diesen Wandel rechtsradikaler Gewalt in den 1980er Jahren. Andererseits soll nach gesellschaftlichen und staatlichen Reaktionen darauf gefragt werden. Barbara Manthe beleuchtet beispielhaft die Deutungskämpfe über eine schwere rassistische Gewalttat in Hamburg, die heftige Kontroversen auslöste. Am 21. Dezember 1985 griffen Skinheads in der Nähe des S-Bahnhofs Landwehr drei türkische Männer an; einer von ihnen, Ramazan Avcı, verstarb wenige Tage später. Die Tat erregte große mediale Aufmerksamkeit; an dem Fall lassen sich nicht nur lokale Spezifika der Hamburger Stadtgesellschaft, sondern auch übergeordnete Entwicklungen zeigen, die für die Entwicklung rechtsradikaler Gewalt in den 1980er und frühen 1990er Jahre bedeutsam waren.

Zwei Seiten einer Medaille – Rassismus und Umweltzerstörung

Universität Hamburg, Von-Melle-Park 9 (FB Sozialökonomie, ex HWP), EG, Raum S07

Auf den ersten Blick sind Rassismus und Umweltzerstörung weit voneinander entfernte Themengebiete. Kulturhistorisch liegen sie auf den zweiten Blick gar nicht so weit auseinander. Im Kern von Rassismus wird zwischen Natur und Kultur unterschieden und die Natur den Nicht-Weißen, die Kultur den Weißen zugeordnet; entsprechend unterscheiden sich die Zuschreibungen (z. B. „Vernunft“ und „Rationalität“ auf der Seite der Weißen, „Triebhaftigkeit“ und „Unkontrolliertheit“ auf der Seite der Nicht-Weißen). Diese Rangordnung von Natur und Kultur finden wir auch im modernen Naturverständnis. Sie geht zurück auf René Descartes Unterscheidung von res cogitans und res extensa, die nicht einfach nur eine Unterscheidung ist, sondern eine Überordnung der Kultur über die Natur, die in der Folge als ein instrumentell zu bemeisterndes Objekt verstanden wird.

„Antisemitismus: Was alle verbindet“ – Vortrag mit Olaf Kistenmacher

Rote Flora Achidi-John-Platz 1, Hamburg

Geht es gegen den Staat Israel, sind sich sehr viele Menschen einig: Die extreme Rechte hasst den jüdischen Staat ohnehin, viele Linke auch. Selbst diejenigen, die das Existenzrecht Israels anerkennen, schieben oft ein einschränkendes „Aber“ hinterher. Doch Antisemitismus hat nicht erst seit dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 zugenommen. Während der Corona-Pandemie hefteten sich sogenannte Querdenker gelbe Sterne an die Brust, auf denen „Impfgegner“ oder „ungeimpft“ stand. Andere meinten zu wissen, „geheime Mächte“ würden uns die Pandemie vorgaukeln oder hätten den Virus erzeugt. Neue Rechte behaupteten seit Jahren, es laufe ein „Bevölkerungsaustausch“. Der Attentäter von Halle sprach offen aus, wer für ihn hinter diesem angeblichen Plan stecken würde. In dem Vortrag wird ausgeführt, welche Traditionslinien im 21. Jahrhundert zusammenlaufen und warum Antisemitismus alle möglichen politischen Spektren miteinander verbindet.

Zum linken Antisemitismus

Hörsaal J des ESA 1 (Universität Hamburg) Edmund-Siemers-Allee 1, Hamburg

Jegliche Beurteilung antisemitischer Vorfälle nach 1945 kann nicht davon abstrahieren, dass die Judenfeindschaft zuvor in die schlimmste aller nur denkbaren Konsequenzen geführt hat – in die praktische Umsetzung der von staatlicher Seite intendierte und dann systematisch betriebene Vernichtung der europäischen Juden. Angesichts der unleugbaren Faktizität dieses Makroverbrechens wurde der Post-Holocaust-Antisemitismus mit einem Tabu belegt. Wer in der Bundesrepublik antisemitisch auftrat, der musste damit rechnen, angeprangert und womöglich strafrechtlich verfolgt zu werden. Um sich dem zu entziehen, sind allerdings rasch Semantiken entwickelt worden, mit denen die judenfeindlichen Affekte implizit weiter betrieben werden konnten und – wie die Affäre Aiwanger verrät – noch immer können. Dieser verbreiteten Praxis hat die Forschung mit dem Begriff des sekundären Antisemitismus Rechnung zu tragen versucht. Adorno sprach im selben Zusammenhang spezifischer noch von einem Schuldabwehrantisemitismus. Demnach tritt die Judenfeindlichkeit häufig in Gestalt einer Abwehrform auf. Das gilt insbesondere für die Linke, zwar nicht in ihrer Gesamtheit, aber zumindest für bestimmte Teile von ihr. Normativ betrachtet stellt die Rede vom linken Antisemitismus ja eigentlich eine Aporie dar. Manche meinen deshalb sogar, dass es ihn apriori gar nicht geben könne. In empirischer Hinsicht jedoch muss man sich eines Besseren belehren lassen.

Zeit der Brandanschläge. Die rechte Gewalt der frühen 1990er Jahre in der Geschichte der Bundesrepublik

Lesesaal der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg Beim Schlump 83, Hamburg

Im Rahmen der Vortragsreihe "Mehr als eine Randnotiz. Die extreme Rechte nach 1945". | Am 3. Oktober 1991 beging das frisch vereinte Deutschland in Hamburg seinen ersten Geburtstag. Mit einem Festakt und einem Bürgerfest wollte die Stadt auf Erfolge und Herausforderungen der „Wiedervereinigung“ blicken. Doch dann schob sich etwas anderes in den Vordergrund. Seit dem Pogrom von Hoyerswerda Mitte September rollte eine „Welle der Gewalt gegen Ausländer und Asylbewerber“ durch die Republik, die just am 2. Oktober 1991 auch Hamburg erfasste. Sie bildete den Beginn einer Zeit extensiver Gewalt, an deren Ende im Sommer 1993 offiziell mehr als 4.000 schwere „fremdenfeindliche Gewalttaten“ registriert worden waren, darunter über 1.200 Brandanschläge. Woher kam diese Gewalt? Und vor allem: Was machte sie mit dem neuen Land, das sich gerade auf die Suche begab, für was es zukünftig stehen wollte und wie seine Bürger:innen in ihm zusammenleben sollten? Janosch Steuwer zeigt die „Zeit der Brandanschläge“ als einen weitgehend übersehenen Schlüsselmoment unserer jüngeren Vergangenheit, an dem gesellschaftliche Debatten und politische Herausforderungen entstanden, die uns noch heute beschäftigen.

Die langen Schatten der Vergangenheit: Wie der Kolonialismus Hamburg bis heute prägt

W3 – Werkstatt für internationale Kultur und Politik e.V. Nernstweg 32 – 34, Hamburg

Lagerhäuser, Straßennamen, Denkmäler: Hamburgs koloniale Vergangenheit ist im Stadtbild allgegenwärtig – und dennoch nicht immer auf den ersten Blick als solche erkennbar. An zahlreichen Orten der Stadt finden sich materielle Spuren der kolonialen Geschichte und Referenzen auf einstige Kolonialakteur*innen. Als Handelsmetropole und Warenumschlagplatz spielt Hamburg, das sich selbst als „Tor zur Welt“ bezeichnet, seit jeher eine zentrale Rolle im globalen Welthandel und profitiert bis heute von ungleichen globalen Handelsbeziehungen und Ausbeutungsverhältnissen, die koloniale Machtverhältnisse fortführen. In diesem Vortrag widmet sich der Historiker Dr. Kim Todzi der Frage, wie Hamburg den Kolonialismus prägte und umgekehrt – wie die Stadt durch den Kolonialismus geprägt wurde. Im Anschluss wollen wir gemeinsam darüber diskutieren, wie ein verantwortungsvoller, dekolonialer Umgang mit den zahlreichen kolonialen Spuren und Kontinuitäten in Hamburg aussehen könnte.

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